Liebe Schwestern und Brüder!
Vergebung – kaum ein anderes Wort berührt so tief unser christliches Leben und unsere menschlichen Beziehungen.
Wo Menschen miteinander leben, lieben und füreinander da sind, erfahren wir Freude, Nähe und Verbundenheit. Aber gerade dort, wo wir einander nahekommen, können wir uns auch verletzen, enttäuschen und schuldig werden. Ein unbedachtes Wort, eine Enttäuschung, ein gebrochenes Versprechen, eine Ungerechtigkeit oder eine Verletzung, die uns noch nach Jahren beschäftigt.
Und irgendwann steht die Frage im Raum: Kann ich vergeben? Will ich vergeben? Und wenn ja – wie oft?
Genau diese Frage stellt Petrus im heutigen Evangelium: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?“ Siebenmal – das klingt zunächst nach großer Großzügigkeit. Doch Jesus antwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“
Jesus gibt damit keine Rechenaufgabe. Er möchte uns eine andere Haltung zeigen: Vergebung kennt keine Grenze. Um das zu verdeutlichen, erzählt er das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht.
Ein Mann hat eine Schuld, die er niemals zurückzahlen könnte. Sein Herr sieht seine Not, hat Mitleid mit ihm und erlässt ihm die gesamte Schuld. Dieser Mensch erfährt etwas, das er sich selbst niemals hätte schenken können: Er bekommt einen neuen Anfang und eine neue Freiheit.
Doch kaum verlässt er seinen Herrn, begegnet er einem anderen Menschen, der ihm eine viel kleinere Schuld schuldet. Statt die Barmherzigkeit weiterzugeben, die er selbst erfahren hat, begegnet er seinem Mitmenschen mit Härte.
Er hat Vergebung empfangen – aber er kann sie nicht weitergeben.
Und genau hier liegt die Mitte der Botschaft Jesu: Wer selbst Vergebung empfängt, ist eingeladen, Vergebung weiterzuschenken.
Denn wir sind nicht nur Menschen, die verletzt werden. Wir kennen auch die andere Seite. Auch wir haben Menschen enttäuscht. Auch wir haben Worte gesagt, die wir später bereut haben. Auch wir haben vielleicht jemanden ungerecht behandelt oder geschwiegen, obwohl ein gutes Wort notwendig gewesen wäre.
Wir alle leben deshalb von Vergebung. Wir brauchen die Vergebung unserer Mitmenschen. Und vor allem brauchen wir die Barmherzigkeit Gottes.
Die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach sagt: „Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft!“
Manchmal tragen wir eine Verletzung jahrelang mit uns. Doch wenn wir an der Verletzung festhalten, geschieht etwas: Das Vergangene beginnt, Macht über unsere Gegenwart zu gewinnen. Der andere hat uns verletzt – aber wenn wir den Groll immer wieder nähren, bleibt die Verletzung in unserem eigenen Herzen lebendig.
Vielleicht können wir uns eine Verletzung wie einen Stachel im Herzen vorstellen. Solange wir immer wieder daran rühren, tut es weh. Wir denken darüber nach, was geschehen ist und was wir hätten sagen oder tun sollen. Vergebung bedeutet nicht, dass der Stachel nie da gewesen wäre. Vergebung zieht den Stachel aus meinem Herzen! „Ich möchte nicht, dass diese Verletzung mein weiteres Leben bestimmt.“
Vergebung bedeutet vielmehr: Ich gebe die Vergeltung aus der Hand. Ich überlasse das Geschehene Gott. Ich lasse den Menschen los – und gewinne dadurch selbst wieder Freiheit. Mein Leben ist größer als das, was mir geschehen ist.
Wir können nicht alles, was in unserem Leben falsch geworden ist, selbst wieder gutmachen. Wir können Vergangenes nicht ungeschehen machen. Aber Gott sieht uns nicht nur mit unserer Schuld. Er sieht uns mit seiner Barmherzigkeit.
Und seine Antwort lautet: „Dir ist vergeben.“
Von hier aus verstehen wir auch die Antwort Jesu an Petrus besser: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“
Jesus verlangt von uns keine übermenschliche Leistung. Er lädt uns ein, aus derselben Barmherzigkeit zu leben, die wir selbst von Gott empfangen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie oft muss ich noch vergeben?“ Sondern: „Wie viel Barmherzigkeit habe ich selbst erfahren?“
Wenn wir nur auf die Schuld des anderen schauen, erscheint sie riesig. Wenn wir aber zugleich auf Gottes Barmherzigkeit schauen, verändert sich unser Blick. Dann erkennen wir:
Wir beten es jedes Mal im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Diese Worte sind anspruchsvoll. Denn wir bitten Gott nicht nur um Vergebung. Wir bitten zugleich darum, selbst barmherzig werden zu können. Gott schenkt uns die Kraft zu einem Schritt, den wir aus eigener Kraft vielleicht noch nicht gehen können.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht gibt es heute einen Menschen, an den wir denken müssen. Jemanden, der uns verletzt hat. Vielleicht ist es ein aktueller Streit. Vielleicht liegt das Geschehene viele Jahre zurück. Vielleicht ist dieser Mensch längst nicht mehr in unserem Leben.
Wir müssen heute nicht so tun, als wäre plötzlich alles gut. Vergebung braucht manchmal Zeit. Aber vielleicht können wir heute einen ersten Schritt wagen und die Sache vor Gott bringen:
„Herr, du kennst meinen Schmerz. Du kennst meine Wut und meine Enttäuschung. Ich kann noch nicht vergeben. Aber ich möchte nicht für immer in diesem Schmerz bleiben. Hilf mir, den Groll loszulassen. Hilf mir, diesen Menschen dir zu überlassen. Und schenke mir die Freiheit meines Herzens.“
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus sagt heute: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ Es ist keine Forderung, die uns überfordern soll. Es ist eine Einladung, aus Gottes Barmherzigkeit zu leben.
Denn das letzte Wort über unser Leben hat nicht die Verletzung. Nicht der Hass. Nicht die Schuld. Das letzte Wort hat die Barmherzigkeit Gottes.
Amen.
> Seitenanfang > Zuletzt veröffentlicht > Alle veröffentlichten Predigten