Liebe Schwestern und Brüder!
Wann ist es eigentlich zu spät, um neu anzufangen?
Zu spät, um etwas im Leben zu verändern? Zu spät, um einen Fehler zu korrigieren? Zu spät, um einen neuen Weg einzuschlagen? Und vielleicht fragen wir uns manchmal auch: Ist es zu spät, um wirklich zu Gott zurückzukehren?
Doch genau hier hinein spricht die erste Lesung heute ganz deutlich: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist.“ Gott lässt sich finden. Gott ist nahe. Und solange wir leben, dürfen wir uns immer wieder neu auf den Weg zu ihm machen.
Und genau diese Botschaft finden wir auch im heutigen Evangelium.
Jesus erzählt von einem Gutsbesitzer, der Arbeiter für seinen Weinberg sucht. Früh am Morgen geht er hinaus. Dann wieder um die dritte, die sechste und die neunte Stunde. Und sogar in der elften Stunde geht er noch einmal hinaus.
Das ist eigentlich erstaunlich: Kurz vor Ende des Arbeitstages sucht er immer noch Menschen.
Warum? Weil er niemanden aufgibt.
Und darin liegt eine der schönsten Botschaften dieses Evangeliums: Nicht nur wir suchen Gott. Gott sucht uns.
Wir sprechen oft davon, dass wir Gott suchen müssen. Wir sollen beten, glauben und seinen Willen suchen. Das ist richtig. Aber die Bibel zeigt uns heute auch die andere Seite: Während wir Gott suchen, ist Gott längst auf dem Weg zu uns.
Denken wir an den Propheten Elija. Er sucht Gott und wartet auf ihn. Er erwartet ihn im Sturm, im Erdbeben und im Feuer. Doch Gott kommt nicht im Lärm, sondern in einem leisen Säuseln. Elija muss still werden, um Gott wahrzunehmen.
Oder Zachäus: Er möchte Jesus sehen und steigt deshalb auf einen Baum. Aber Jesus bleibt stehen und schaut zu ihm hinauf. Zachäus sucht Jesus – und entdeckt: Jesus hat schon nach ihm gesucht.
Auch Matthäus sitzt an seiner Zollstelle. Jesus kommt vorbei, sieht ihn und sagt: „Folge mir nach!“ Jesus wartet nicht, bis Matthäus vollkommen geworden ist. Er ruft ihn mitten in seinem bisherigen Leben.
Der Mensch sucht Gott – aber Gott ist immer schon auf dem Weg zum Menschen.
Und deshalb passt die erste Lesung so gut zum Evangelium: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt.“
Manche Menschen suchen Gott schon früh in ihrem Leben. Sie wachsen im Glauben auf, beten von Kindheit an und gehen viele Jahre ihren Weg mit Gott.
Andere brauchen länger. Manche finden erst als Erwachsene zum Glauben. Manche kehren nach vielen Jahren wieder zu Gott zurück. Manche entdecken ihn erst in einer schweren Lebenssituation oder sogar im hohen Alter.
Auch die Kirche kennt viele Heilige, deren Weg zu Gott nicht von Anfang an klar war. Denken wir an den heiligen Augustinus, der erst nach vielen Jahren zu Christus gefunden hat. Oder an den heiligen Martin, den heiligen Ignatius und den heiligen Norbert, deren Leben ebenfalls eine entscheidende Wendung zu Gott erfahren hat.
Ihre Lebensgeschichten sagen uns: Es ist niemals zu spät, mit Gott neu anzufangen.
Vielleicht gibt es auch unter uns jemanden, der denkt: „Für mich ist es zu spät. Ich habe mich zu weit von Gott entfernt. Ich habe zu lange nicht an ihn gedacht.“
Aber das heutige Evangelium sagt: Nein. Bei Gott ist es nicht zu spät.
Die Arbeiter, die erst in der elften Stunde kamen, wurden nicht weggeschickt. Auch er wird in den Weinberg gerufen. Auch sie wurden genauso bezahlt wie die Ersten.
Wir Menschen rechnen anders. Wir sagen: „Ich war mein ganzes Leben treu. Ich habe gebetet, gearbeitet und mich bemüht. Warum soll jemand, der erst am Ende kommt, dasselbe bekommen?“
Aber Gott rechnet anders. Deshalb sagt Jesaja: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“
Wir schauen oft auf die Vergangenheit. Gott schaut auf das Herz.
Wir rechnen in Stunden. Gott rechnet in Liebe.
Manchmal verstecken wir uns hinter unserer Arbeit, unseren Sorgen und unseren Plänen. Manchmal auch hinter unserer Schuld. Wir denken: „So, wie ich bin, kann Gott mich nicht lieben.“
Doch Gott wartet nicht darauf, dass wir vollkommen werden. Er kommt zu uns, so wie wir sind.
Darum sagt Jesaja: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist.“
Vielleicht begegnet Gott uns heute in einem Menschen. Vielleicht in einem Wort der Heiligen Schrift. Vielleicht in einem stillen Gebet. Vielleicht in einem Menschen, dem wir vergeben sollen. Vielleicht in einer Situation, in der wir selbst Vergebung brauchen.
Gott kommt oft leise – wie bei Elija. Er kommt uns entgegen – wie bei Zachäus. Er ruft uns – wie Matthäus. Und er geht immer wieder hinaus, um uns zu suchen – wie der Weinbergbesitzer.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage heute nicht: „Habe ich Gott schon gefunden?“
Vielleicht lautet die wichtigere Frage: „Lasse ich mich von Gott finden?“
Vielleicht denken wir manchmal: „Ich bin zu spät.“ Aber der Weinbergbesitzer geht sogar in der elften Stunde noch hinaus.
Und deshalb dürfen wir glauben: Bei Gott gibt es keine zu späte Stunde. Darum nehmen wir heute diese Einladung des Propheten Jesaja mit: „Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist.“
Und vielleicht ist das die schönste Antwort, die wir heute geben können:
Herr, hier bin ich. Ich suche dich. Und ich lasse mich von dir finden.
Amen.