Evangelium zu Allerseelen: (Johannes 6, 37–40)
Jesus Christus spricht: Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen; denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Jüngsten Tag. 40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben hat und dass ich ihn auferwecke am Jüngsten Tag.
Einführung zur Predigt:
Der Monat November erinnert uns an die Vergänglichkeit unseres Lebens, aber auch an die Hoffnung auf das ewige Leben. An Allerheiligen schauen wir auf die Heiligen, die ihre Erfüllung bei Gott gefunden haben. An Allerseelen denken wir besonders an unsere lieben Verstorbenen.
In dieser Andachtsstunde erinnern wir uns dankbar an sie. Wir danken Gott für ihr Leben, für alles, was sie gewirkt und geschenkt haben, für ihre Liebe, ihre Nähe und für alles Gute, das durch sie in unserem Leben lebendig geblieben ist. In dankbarer Erinnerung vertrauen wir unsere Verstorbenen der Gnade und Barmherzigkeit Gottes an und bitten ihn, sie in seine liebenden Hände aufzunehmen.
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder,
Der Monat November erinnert uns an zwei Wirklichkeiten unseres Lebens: an das Vergehen und an die Erfüllung. Das Fest Allerheiligen lenkt unseren Blick auf die Erfüllung unseres Lebens bei Gott. Wir denken an die Heiligen, die ihr Ziel erreicht haben und nun in der Gemeinschaft mit Gott leben. Allerseelen dagegen führt uns besonders die Vergänglichkeit unseres Lebens vor Augen. Wir denken an unsere lieben Verstorbenen, an Menschen, die uns nahegestanden haben und die wir heute schmerzlich vermissen.
Doch Allerheiligen und Allerseelen gehören zusammen. Denn unser Glaube erinnert uns nicht nur daran, dass unser irdisches Leben vergänglich ist, sondern auch daran, dass Gott uns eine Zukunft über den Tod hinaus verspricht.
Liebe Schwestern und Brüder,
Allerseelen ist nicht nur ein Tag der Trauer. Es ist auch ein Tag der dankbaren Erinnerung. Heute denken wir an unsere Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandten, Freunde und an all jene Menschen, die unser Leben geprägt haben. Wir erinnern uns an ihre Liebe, an ihre Fürsorge, an ihre Worte und an die vielen kleinen und großen Dinge, die sie für uns getan haben. Vielleicht erinnern wir uns an gemeinsame Mahlzeiten, an Gespräche, an ein herzliches Lächeln oder an eine helfende Hand in schwierigen Zeiten.
Manche Erinnerungen bringen uns zum Lächeln, andere lassen unsere Augen feucht werden. Denn je lieber wir einen Menschen gehabt haben, desto schmerzlicher empfinden wir seine Abwesenheit. Wir vermissen unsere Verstorbenen. Wir hätten gerne noch einmal mit ihnen gesprochen, ihre Stimme gehört oder ihre Hand gehalten. Manches hätten wir ihnen vielleicht noch gerne gesagt.
Aber heute wollen wir nicht nur auf das schauen, was uns fehlt. Wir wollen auch dankbar sein für das, was wir durch diese Menschen empfangen haben. Wir danken unseren Verstorbenen für alles Gute, das sie uns geschenkt haben. Und wir danken Gott, dass er sie uns für eine kurze oder lange Zeit an die Seite gestellt hat. Ihr Leben war ein Geschenk für uns. Auch wenn sie nicht mehr unter uns sind, bleibt vieles von dem, was sie uns gegeben haben, in unseren Herzen lebendig.
Unsere Erinnerung an die Verstorbenen bleibt nicht bei schönen Gedanken stehen. Aus Liebe und Dankbarkeit bringen wir sie im Gebet vor Gott und vertrauen sie seiner Barmherzigkeit an. Auch wenn wir ihnen nicht mehr auf die Weise helfen können wie früher, bleibt uns das Gebet als Zeichen unserer Verbundenheit und Liebe.
Das Leben eines jeden Menschen ist ein Geheimnis. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit Licht und Schatten. Vielleicht ist in seinem Leben nicht alles gelungen, vielleicht ist manches offen und unvollendet geblieben, vielleicht gab es Fehler, Schwächen oder Versäumnisse. Wir kennen nie den ganzen Lebensweg eines Menschen und können uns kein abschließendes Urteil über ihn erlauben.
Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott jeden Menschen besser kennt als wir selbst – mit allem, was gelungen ist, und mit allem, was unvollkommen geblieben ist. Seine Liebe und Barmherzigkeit sind größer als unsere menschlichen Grenzen und reichen weiter, als wir es verstehen können.
So werden unsere Gebete zu einer Brücke zwischen unserer Liebe zu den Verstorbenen und unserer Hoffnung auf Gott. Wir tragen sie in unseren Herzen und legen sie vertrauensvoll in Gottes Hände.
Das heutige Evangelium führt unseren Blick noch weiter. Jesus spricht von einer Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Er sagt: „Es ist der Wille meines Vaters, dass alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben und dass ich sie auferwecke am Jüngsten Tag.“#
Das ist die Mitte unserer christlichen Hoffnung: Unser Leben endet nicht einfach mit dem Tod. Wir glauben an das ewige Leben und an die Auferstehung der Toten.
Jesus verspricht nicht, dass wir den Tod in diesem irdischen Leben vermeiden können. Auch Menschen, die fest an ihn glauben, müssen sterben. Aber der Tod hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort gehört Gott, der Leben schenkt und uns in seiner Liebe bewahren will.
Nachdem Lazarus, der Bruder Martas, gestorben war, sagte Jesus zu Marta: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“
Anschließend stellt Jesus Marta eine entscheidende Frage: „Glaubst du das?
Liebe Schwestern und Brüder,
Marta steht hier gewissermaßen stellvertretend für jeden von uns. Auch uns stellt Jesus heute diese Frage: Glaubst du an das ewige Leben? Glaubst du, dass der Tod nicht das Ende ist? Glaubst du, dass Gott unsere Verstorbenen nicht vergessen hat und dass auch unser eigenes Leben in seinen Händen liegt?
Auch im Johannesevangelium, Kapitel 14, spricht Jesus zu seinen Jüngern, die verunsichert und traurig sind: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. […] Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“
Jesus spricht von einem Platz bei Gott, von einer Heimat, in der wir willkommen sind. Er verspricht seinen Jüngern, dass er sie zu sich holen wird.
Unsere christliche Hoffnung gründet nicht auf einer bloßen Vermutung. Sie gründet auf Jesus Christus selbst, auf seinem Tod und seiner Auferstehung. Weil Christus von den Toten auferstanden ist, dürfen auch wir auf die Auferstehung hoffen.
Der Apostel Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief, dass Christus der Erste der Entschlafenen ist. Er ist der Anfang einer neuen Wirklichkeit. Was Gott an Christus getan hat, darauf dürfen auch wir hoffen: dass er uns aus dem Tod zum Leben führen wird.
Wenn wir heute an unsere Verstorbenen denken, dürfen wir uns auch fragen: Was haben sie uns hinterlassen? Vielleicht nicht viel Geld oder große Besitztümer. Aber vielleicht haben sie uns den Glauben weitergegeben, uns gelehrt, füreinander da zu sein, oder uns gezeigt, was Vergebung und Treue bedeuten.
Das Wertvollste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist oft nicht das, was er besitzt, sondern das, was er in den Herzen anderer Menschen bewirkt hat. So bleibt die Erinnerung an unsere Verstorbenen nicht nur Vergangenheit. Sie wird zu einer Aufgabe für unsere Gegenwart.
Bringen wir heute alle, die wir vermissen, im Gebet vor Gott und vertrauen wir auf sein Versprechen des ewigen Lebens.
Und wenn Jesus uns fragt: „Glaubst du das?“, dann wollen auch wir mit Marta antworten: Herr, ich glaube. Stärke unseren Glauben und lass unsere Hoffnung niemals erlöschen.
Denn unsere Hoffnung ist Christus selbst. Er ist die Auferstehung und das Leben. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Wir dürfen darauf hoffen, dass wir eines Tages mit unseren lieben Verstorbenen wieder vereint sein werden – in Gottes ewiger Liebe und Gemeinschaft.
Amen.