Liebe Schwestern und Brüder!
Heute feiern wir das Patrozinium unserer Kirche. Unsere Kirche steht unter dem Schutz der heiligen Maria Magdalena. Sie nimmt unter den Jüngern Jesu einen besonderen Platz ein. Die Kirche nennt sie die „Apostolin der Apostel“, denn sie war die erste, die dem auferstandenen Herrn begegnete und den Jüngern die frohe Botschaft von der Auferstehung verkündete.
Die Texte des heutigen Tages führen uns in das Herz dieser Frau hinein. Maria Magdalena war eine suchende Frau.
Die erste Lesung aus dem Hohelied beschreibt diese Suche mit den Worten:
„Ich suchte ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.“
Diese Worte beschreiben nicht nur die Liebe zwischen zwei Menschen. Sie erzählen von der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Gott. Jeder Mensch trägt diese Sehnsucht in seinem Herzen. Jeder Mensch sucht nach einem Leben, das wirklich erfüllt.
Auch Maria Magdalena war eine solche Suchende. Ihr Leben wurde durch die Begegnung mit Jesus grundlegend verändert. Sie hatte erfahren, dass es im Menschen eine Sehnsucht gibt, die durch nichts Irdisches ganz gestillt werden kann. Es ist die Sehnsucht nach einem Leben in Fülle, nach einer Liebe, die trägt, und nach einem Frieden, der auch in schweren Stunden nicht zerbricht.
Das Leben der heiligen Maria Magdalena kann deshalb auch uns inspirieren.
Denn auch wir leben in einer Welt voller Möglichkeiten und zugleich voller Unsicherheit. Kriege, wirtschaftliche Sorgen und gesellschaftliche Spannungen verunsichern viele Menschen. Familien stehen unter Druck. Junge Menschen fragen sich, welche Zukunft sie erwartet. Ältere Menschen leiden unter Krankheit oder Einsamkeit. Jeder trägt seine eigenen Sorgen und Belastungen.
Hinzu kommt eine weitere Herausforderung unserer Zeit. Viele Menschen meinen, sie könnten ihr Leben auch ohne Gott gestalten. Solange alles gut läuft, scheint der Glaube nicht notwendig zu sein. Man vertraut auf die eigenen Fähigkeiten, auf Wohlstand, Technik und menschliche Planung. Gott gerät an den Rand des Lebens. Das Gebet wird seltener, und die Kirche spielt für viele kaum noch eine Rolle. Doch wenn Krankheit, Leid oder Enttäuschungen kommen, merken wir, dass wir unser Leben nicht allein tragen können.
Ja, wir alle tragen eine tiefe Sehnsucht in uns. Wir suchen nach Glück, nach Anerkennung, nach Sicherheit, nach Liebe und Geborgenheit. Wir wünschen uns Gesundheit, Erfolg und gelingende Beziehungen. Das alles ist gut und wertvoll. Es sind Geschenke Gottes.
Aber wir machen immer wieder dieselbe Erfahrung: Die Dinge dieser Welt können unser Leben bereichern, sie können Freude schenken und unser Leben schöner machen. Doch sie vermögen die tiefste Sehnsucht unseres Herzens nicht endgültig zu erfüllen. Der Mensch ist auf mehr hin geschaffen. Er sehnt sich nach einer Liebe, die bleibt, nach einem Frieden, den niemand nehmen kann, und nach einer Hoffnung, die auch in schweren Zeiten trägt.
Gerade jetzt, in der Urlaubszeit, wird uns das besonders bewusst. Viele Menschen freuen sich darauf, sich zu erholen, neue Orte kennenzulernen und Abstand vom Alltag zu gewinnen. Das ist gut und wichtig. Auch unser Körper braucht Ruhe und neue Kraft.
Doch wir Menschen bestehen nicht nur aus unserem Körper. Wir sind Leib und Seele. Deshalb braucht nicht nur unser Körper Erholung, sondern auch unsere Seele. Eine Reise kann den Horizont erweitern, aber sie kann die innere Leere nicht füllen. Auch die Seele braucht Zeiten der Stille, des Gebets und der Begegnung mit Gott.
Der heilige Augustinus hat diese Erfahrung in einem berühmten Satz zusammengefasst: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott.“
Maria Magdalena hat diese Ruhe gefunden. In Jesus Christus fand sie die Quelle des lebendigen Wassers, die den tiefsten Durst des Menschen stillen kann. Darum blieb sie bei ihm – nicht nur in den Tagen der Freude, sondern auch unter dem Kreuz. Während viele geflohen waren, hielt sie Jesus die Treue.
Am frühen Ostermorgen geht sie wieder zum Grab. Sie sucht ihren Herrn. Doch zunächst findet sie ihn nicht. Das Grab ist leer, und ihre Trauer wird noch größer. Weinend steht sie vor dem Grab und versteht nicht, was geschehen ist.
Dann geschieht das Entscheidende.
Jesus spricht nur ein einziges Wort: „Maria!“
In diesem Augenblick verändert sich alles. Maria erkennt den Auferstandenen. Genauer gesagt: Nicht sie findet Jesus, sondern Jesus findet sie. Er kennt ihren Namen. Er kennt ihre Geschichte, ihre Sehnsucht und ihre Tränen.
Das ist auch für uns eine große Hoffnung. Vielleicht erleben wir Zeiten, in denen Gott fern zu sein scheint. Vielleicht suchen wir ihn und meinen, keine Antwort zu finden. Doch der Auferstandene kennt auch unseren Namen. Er kennt unsere Sorgen, unsere Fragen und unsere Zweifel. Er lässt uns nicht allein. Er begegnet uns oft leise – im Gebet, in seinem Wort, in der Feier der Eucharistie oder durch Menschen, die uns Hoffnung schenken.
Jesus sendet Maria Magdalena zu den Aposteln mit der Botschaft: „Ich habe den Herrn gesehen.“
Aus der suchenden und weinenden Frau wird die erste Zeugin der Auferstehung. Aus ihrer Suche wird eine Begegnung, aus ihrer Trauer wird Freude und aus ihrer Hoffnungslosigkeit eine Sendung.
Liebe Schwestern und Brüder, das Fest der heiligen Maria Magdalena lädt auch uns heute ein, neu zu fragen:
Wo suche ich mein Leben?
Welche Quellen geben mir wirklich Kraft?
Bin ich bereit, Jesus Christus neu zu begegnen – der Quelle des lebendigen Wassers, die allein den Durst meines Herzens stillen kann?
Bitten wir die heilige Maria Magdalena, dass sie uns auf unserem Glaubensweg begleitet. Möge sie uns helfen, Jesus immer wieder neu zu suchen, ihm zu vertrauen und wie sie zu glaubwürdigen Zeugen seiner Liebe und seiner Auferstehung zu werden.
Amen.
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