Der Hl. Norbert von Xanten

Kanoniker, Wanderprediger, Chorherr, Asket,
Streiter für die Einheit der Kirche und den rechten Glauben,

Gründer des Prämonstratenserordens (OPraem),

Erzbischof von Magdeburg

* um 1080 vermutlich in Gennep (Kleinstadt in den Niederlanden, ca. 40 km von Xanten entfernt)

+ 6. Juni 1134 in Magdeburg

Ich war am Hofe, ich lebte im Kloster, ich stand in hohen Ehrenämtern der Kirche,
und ich habe überall gelernt, dass es nichts Besseres gibt als sich ganz an Gott hinzugeben.

(Norbert von Xanten)

Im Welfenmünster begegnet uns der Hl. Norbert von Xanten an allen Ecken und Enden. Spätestens mit der barocken Ausgestaltung der Kirche im 18. Jahrhundert machten die Steingadener Prämonstratenser das Welfenmünster endgültig zu einer „Norbertkirche“, auch wenn sie das Patrozinium ihrer Klosterkirche beim Hl. Johannes Baptist beließen.

Das vermutlich älteste, heute noch leicht zu erkennende  Zeugnis der Verehrung des Hl. Norbert im Welfenmünster, stammt aus der Zeit nach den Zerstörungen des Bauernkrieges (1525). Der Chorraum wurde danach im Stil der Spätrenaissance neugestaltet. In einer prächtigen, kreuzförmigen Kassette wurde dabei der Namenszug des Hl. Norbert im Gewölbe des Chorraums verewigt. 

Die drei übrigen Kassetten des Gewölbes tragen die Monogramme des Hl. Joseph (IPH), der Hl. Gottesmutter Maria (MRA) und von Jesus (IHS). 

Auf diese Weise stellt das Gewölbe des Chorraums die Verehrung des Hl. Norbert quasi auf eine Stufe mit der Verehrung der Heiligen Familie, auch wenn die Abfolge „Norbert > Joseph > Maria > Jesus“ eine zum Altar hin ansteigende Verehrung zum Ausdruck bringt, die in der Anbetung Jesu Christi im Sakrament des Altares ihren Höhepunkt findet.

Zur Erinnerung: Eine Gruppe aus der Pfarrei Steingaden pilgerte zu Ostern 2014 "auf den Spuren des Hl. Norbert" nach Prémontré. Unterwegs machten wir Halt in Xanten und hielten Andacht in der Norbertkapelle der Stiftskirche St. Viktor. Dem Stift St. Viktor in Xanten hatte der Hl. Norbert lange Zeit als Kanoniker angehört.

Norbert stammte aus reichem Hause und war von seiner Familie für die geistliche Laufbahn bestimmt. Schon als Kind wurde er in das Stift St. Viktor in Xanten gegeben, wo er, mit einer guten Pfründe ausgestattet, ein sorgenfreies Leben haben sollte. Dort wurde er zum Subdiakon geweiht, bemühte sich aber nicht ernsthaft um ein Leben als Kleriker. 

Dennoch machte Norbert Karriere. In den Jahren 1108/1009 war er Hofkaplan beim Erzbischof von Köln, der gleichzeitig Reichskanzler des Kaisers war. So kam Norbert an den Hof von Kaiser Heinrich V., den er – mitten im Investiturstreit – nach Rom begleitete, wo er wohl auch bei der Krönung von Kaiser Heinrich V. durch den Papst zugegen war.

Allerdings bekam er in Rom auch mit, wie Kaiser Heinrich zuvor den Papst gefangen nahm und die Kardinäle unter Druck setzte, um die Krönung zu erzwingen. Diese, in seinen Augen unwürdige Behandlung des Papstes und der Kardinäle nahm Norbert dem Kaiser übel. 

Das mag wohl einer der Gründe gewesen sein, warum Norbert das Amt des Bischofs von Cambrai in Frankreich ablehnte, als der Kaiser ihm dies zwei Jahre später antrug. Im Investiturstreit neigte Norbert allerdings ohnehin dem päpstlichen Lager zu und hätte vermutlich schon allein deshalb eine Investitur (d.h. eine Einsetzung als Bischof) durch den Kaiser abgelehnt.

Im Jahr 1115, im Alter von ungefähr 35 Jahren, hatte Norbert ein Bekehrungserlebnis. Während eines Rittes über freies Feld, riss ihn ein Blitzschlag zu Boden. Daraufhin schlug er einen neuen Weg ein. 

Norbert lebte von nun an als Asket und verschrieb sich der „Gregorianischen Kirchenreform“ unter Papst Gregor VII., die sich gegen Simonie (d.h. den Ämterkauf), Laieninvestitur (d.h. die Einsetzung  von Bischöfen durch die weltlichen Herrscher) und die Priesterehe richtete. 

Im Dezember 1115 ließ Norbert sich zum Priester weihen. und zog fortan als Wanderprediger umher. Er propagierte die Rückkehr des Klerus zur „vita apostolica„, dem urchristlichen Lebensideal, das sich am Vorbild der Apostel orientiert und zu dessen wichtigsten Merkmalen ein Leben in Armut gehört. 

Mit seinen charismatischen Reform- und Bußpredigten gewann Norbert schnell Anhänger im Volk. Unter den Klerikern traf die Sittenstrenge seiner Lehre und sein hoher Anspruch an ein enthaltsames Leben aller Kleriker jedoch auf Ablehnung. Norbert musste sich deshalb sogar gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigen. 

Das führte dazu, dass er seine Xantener Pfründe aufgab, seine Heimat verließ und nach Nordfrankreich ging, wo er – mit päpstlicher Genehmigung – weiterhin als Prediger wirkte.

Die Amtskirche bemühte sich in der Folgezeit immer wieder, den unbequemen Reformprediger einzubinden. Vermutlich aus diesem Grund, ermutigte der Bischof von Laon in Nordfrankreich Norbert, ein eigenes Kloster zu gründen und zu leiten. Dieser sträubte sich zunächst dagegen. Er wollte seine bisherige Lebensweise nicht aufgeben. Im Tal von Prémontré hatte Norbert jedoch eine Vision, die ihn zum Umdenken brachte und ihn veranlasste, dort das Kloster zu gründen, aus dem in den Jahren darauf der Orden der Prämonstratenser Chorherren entstand.

Das Deckenfresko im östlichen Gewölbe des Mittelschiffs im Welfenmünster zeigt die Kreuzvision des Hl. Norbert im Tal von Prémontré. 

Diese Darstellung des zentralen spirituellen Elements der Gründungsgeschichte des Prämonstratenserordens findet sich in den allermeisten, wenn nicht in allen, Klosterkirchen der Prämonstratenser.

Das Fresko im östlichen Gewölbe des Mittelschiffs im Welfenmünster zeigt die Kreuzvision des Hl. Norbert im Tal von Prémontré.

Der Hl. Norbert war vermutlich selbst nie in Steingaden und hatten wohl auch nie selbst die Vision eines Klosterbaus in Steingaden.

In den zweihundert Jahren nachdem die Prämonstratenser im Jahr 1803 Steingaden verlassen mussten und damit auch das Wissen über die Traditionen des Prämonstratenserordens aus Steingaden verschwand, setzte sich in Steingaden mit der Zeit eine andere Interpretation des östlichen Deckenfreskos durch.

Bald bezog man die dort dargestellte Vision des Hl. Norbert auf die Klostergründung in Steingaden. Man interpretierte die Darstellung jetzt so, als hätte der Hl. Norbert, vielleicht auf einer seiner Reisen nach Rom entlang der via augusta, irgendwann in der Gegend von Steingaden Rast gemacht und im Traum die Vision eines Klosterbaus an dieser Stelle gehabt.

Diese Interpretation wurde scheinbar durch das Chronogramm im westlichen Deckenfresko gestützt, das den Bau des Klosters Steingaden zeigt. Dort heißt es „quod divinabat  norbertus, explebat gvelpho sextus“ (dt. wörtlich übersetzt: „Was Norbert vorausgeahnt hat , halt Welf VI. in die Tat umgesetzt.“ oder in Reimform „Was Norbert schaut‘, hat Welf VI. gebaut“).

Erst als im Jahr 2012, mit Pater Petrus-Adrian Lerchenmüller OPraem, wieder ein Prämonstratenser Chorherr die Pfarrstelle in Steingaden antrat, konnte dieser den Irrtum aufklären und dafür sorgen, dass wir das Chronogramm heute wieder so verstehen, wie es ursprünglich gemeint war: „Was Norbert [in Prémontré] vorausgeahnt hat, halt Welf VI. [in Steingaden] in die Tat umgesetzt,“ bzw. in Reimform:“Was Norbert [in Prémontré] schaut‘, hat Welf VI. gebaut.“

Mit den Deckenfresken im Osten und Westen des Mittelschiffes, und deren sinnhafter Verknüpfung durch das oben zitierte Chronogramm, wollten die, um die Mitte des 18. Jahrhunderts scheinbar sehr selbstbewussten Steingadener Prämonstratenser möglicherweise zum Ausdruck bringen, dass sie, nachdem das erste Kloster in Prémontré längst untergegangen war, Steingaden fortan als das „neue Prémontré“ verstanden wissen wollten. Diese Auffassung hat sich innerhalb des Prämonstratenserordens allerdings nicht über Steingaden hinaus durchgesetzt.

Was ist ein Chronogramm?

Im Barock war es ein unter Gebildeten sehr beliebter Brauch, lateinische Inschriften, z.B. an Denkmälern oder Gebäuden, in Versform zu verfassen und sie dabei so anzulegen, dass alle darin enthaltenen Buchstaben, die auch als römische Ziffern gelesen werden können (I, V, U, X, L, C, D, M), wenn man deren Ziffernwerte zusammenzählt, die Jahreszahl des Ereignisses angeben, auf das sich der Text bezieht. So eine Inschrift, in der eine Jahreszahl verschlüsselt ist, nennt man Chronogramm (altgriechisch: chrónos = die Zeit; grámma = Geschriebenes)

Das Chronogramm im westlichen Deckenfresko des Welfenmünsters lautet: „qVoD DIVInabat norbertVs, eXpLebat gVeLpho seXtVs“

Wenn man die darin enthaltenen römischen Ziffern zusammenzählt, ergibt sich daraus
V+D+D+I+V+I+V+X+L+V+L+X+V = 5+500+500+1+5+1+5+10+50+5+50+10+5 = 1147 (das Gründungsjahr des Klosters Steingaden)

Die Prämonstratenser leben bis heute nach der Regel des Hl. Augustinus und tragen immer noch den weißen Habit, der sie als „Zeugen der Auferstehung“ ausweist 

Der große Altarprospekt des Hauptaltars im Welfenmünster nimmt darauf Bezug. 

In idealisierender  Darstellung zeigt das Bild, wie die Hl. Gottesmutter Maria mit dem Kind dem Hl. Norbert, hier noch im dunklen Habit des Wanderpredigers dargestellt, den weißen Habit der Prämonstratenser übergibt. Links daneben zeigt das Bild den Hl. Augustinus, der dem Hl. Norbert seine Ordensregel übergibt.

Rechts neben der Gottesmutter ist der Hl. Johannes Baptist zu sehen, der die Szene zu bezeugen scheint.

Norbert lebte in einer unruhigen Zeit, die auch von vielfältigen, sich teils widersprechenden Reformbewegungen innerhalb und außerhalb der Kirche geprägt war. Norbert wurde immer wieder in Glaubensstreitigkeiten mit anderen Reformern verwickelt, die sich, im Gegensatz zu ihm, gegen die Lehren der Kirche stellten. 

Einer dieser ketzerischen Wanderprediger, mit denen Norbert sich auseinandersetzen musste, war Tanchelin von Antwerpen. Seine Verehrer rechneten es Norbert in den folgenden Jahrhunderten hoch an, dass es Norbert gelang, als Prediger die Lehren des Tanchelin von Antwerpen zu entkräften und ihm seine Anhängerschaft abspenstig zu machen. 

Auch wenn es vermutlich ein Sieg der besseren Argumente und des größeren Charismas war, fand die Kunst für den Sieg Norberts über Tanchelin manchmal recht martialische Ausdrucksformen, so auch im Welfenmünster.

Im Altarprospekt des Norbertaltars, der Seitenaltar vorne links im Mittelschiff des Welfenmünsters, ist zu sehen, wie der Hl. Norbert und seine Prämonstratenser, mit der unerschütterlichen Verehrung der Hl. Eucharistie den Tanchelin überwanden, der ihnen „am Boden zerstört“ zu Füßen liegt.

Noch dramatischer ist die Bildsprache, die das mittlere Deckenfresko für den Sieg des Hl. Norbert über Tanchelin findet.

Von der Monstranz, die der Hl. Norbert, hier im Ornat des Bischofs von Magdeburg dargestellt, in der Hand hält, geht ein Lichtstrahl nach unten rechts aus. Der Lichtstrahl trifft auf einen glänzenden Schild, welcher von einem Engel gehalten wird. An dem Schild bricht sich der Lichtstrahl und wird dabei zu einem Blitz, der Tanchelin und dessen Gefolgschaft niederstreckt.

Wie aus Darstellung des Hl. Norbert im mittleren Deckenfresko als Bischof schon zu erkennen ist, nahm die Lebensgeschichte des Hl. Norbert nach der Klostergründung in Prémontré und dem Sieg über den Ketzer Tanchelin noch einmal eine ganz andere Wendung.

Fünf Jahre nach der Klostergründung wurde der Hl. Norbert nämlich, zum Leidwesen seiner Ordensbrüder und -schwestern, zum Bischof von Magdeburg ernannt, wohl auch, weil man dem gestrengen Bußprediger zutraute, dort einige Missstände abzustellen. Am 18. Juli 1126 zog der Hl. Norbert daraufhin barfuß und im Büßergewand in seine Bischofsstadt ein. Er holte bald einige seiner Mitbrüder aus Prémontré nach, gründete in seinem Bistum neue Klöster und öffnete das Ordensleben der Prämonstratenser für die Seelsorge.

Seine letzten Lebensjahre widmete der Hl. Norbert als Bischof auch der politischen Arbeit im Dienst der Kirche und des Kaisers. Er setzte sich für die Aussöhnung zwischen Kaiser Lothar III. und Papst Innozenz II. ein und verteidigte Papst Innozenz II. auch gegen den zeitweiligen Gegenpapst. 

Auf einer Reise nach Rom holte der Hl. Norbert sich im Jahr 1132 vermutlich die Malaria, von der er sich nicht mehr erholte. Krank kehrte er nach Magdeburg zurück, wo er zwei Jahre später verstarb. Seine Gebeine wurden in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges von Magdeburg nach Prag, in die Prämonstratenser-Abtei Strahov überführt. 

Im Jahr 2016, im Rahmen der dritten Wallfahrt „auf den Spuren des Hl. Norbert“ besuchte eine Gruppe aus Steingaden, dort sein Grab.

Um den Tod des Hl. Norbert rankt sich eine Legende, nach der der Hl. Norbert bei seinem Tod durch die Hl. Gottesmutter Maria in den Himmel aufgenommen worden sei. Dieser Legende ist das mittlere Deckenfresko im  Welfenmünster gewidmet.

In eindrucksvoller allegorischer Überhöhung brachte der Künstler darin zum Ausdruck, dass sich der Hl. Norbert diese Auszeichnung durch sein unermüdliches Eintreten für die Bewahrung des rechten Glaubens und der Einheit der Kirche verdient hätte. Beide, die Allegorie des rechten Glaubens  und die Allegorie der Kirche geben deutliche Fingerzeige auf den Hl. Norbert in der Bildmitte, den sie damit der besondere Fürsorge durch die Gottesmutter und die Hl. Dreifaltigkeit (in dem Fresko oben direkt über ihm dargestellt) anempfehlen

Allegorie des rechten Glaubens
Allegorie der katholischen Kirche

Wenn man durch das Welfenmünster und die wenigen anderen, erhaltenen Klostergebäude in Steingaden streift, kann man immer wieder neue Relikte der Verehrung des Hl. Norbert aus Klosterzeiten entdecken, so beispielsweise auch im Epitaph des Welf an einer Säule im vorderen Mittelschiff des Welfenmünsters, oder im Flur des ehemaligen Klostergebäudes über dem Kreuzgang.

Bitte schauen Sie sich bei ihrem nächsten Besuch im Welfenmünster auch selbst um. Sie werden bestimmt noch das Eine oder Andere finden, das auf den Hl. Norbert verweist.

Mehr zum Hl. Norbert können sie beispielsweise beim Generalpostulator des Prämonstratenserordens in Rom  nachlesen, wenn Sie möchten.

Der Hl. Norbert im Epitaph des Welf
Der Hl. Norbert im Flur des ehemaligen Klostergebäudes

Text und Fotos: Bruno Wilhelm